
Werkstudierende bringen frischen Wind für wenig Geld, während wir wertvolle Praxiserfahrung sammeln, eigentlich eine perfekte Win-win-Situation. Doch warum ist das Zueinanderfinden in der Realität oft so schwierig? Seit Juli arbeite ich selbst als Werkstudentin im Team Design & Content. Nach sechs Semestern Kommunikationsdesign und zwei verschiedenen Agenturjobs kenne ich sowohl den Anfangs-Struggle als auch die typischen Hürden der Branche.
Warum Werkstudierende für Agenturen ein Gewinn sind
Als Studierende bringen wir unser Wissen direkt vom Hörsaal an den Agentur-Schreibtisch (in unserem Fall an den eigenen mobilen). Doch besonders in einer Kommunikationsagentur mit Fokus Social Media bringe ich als Studentin einen unschlagbaren Vorteil mit: Ich bin täglich daueronline. Mit einer durchschnittlichen Screen Time von gut sieben Stunden am Tag sitze ich direkt an der Quelle. Ich konsumiere Trends, Sounds und Formate nicht erst, wenn sie im Briefing stehen, ich entdecke sie bereits in meinem Alltag. Für die Agentur ist dieses Insider*innenwissen eine enorme Erleichterung beim Brainstorming und der Content Creation.
Dazu kommt eine Flexibilität, von der beide Seiten profitieren, da sich meine Arbeitszeiten an Projekte und Vorlesungen anpassen lassen. Auch wirtschaftlich ist es ein echter Win-Win: Die Agentur spart Lohnnebenkosten, während ich vom Werkstudentenprivileg profitiere. Anders als bei einem normalen Teilzeitjob zahle ich keine Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung und habe spürbar mehr Netto vom Brutto. Das ist keine Sparmaßnahme, sondern ein durchweg fairer Deal auf Augenhöhe: Die Agentur sichert sich den Puls der Zeit, und ich finanziere mein Leben mit echter Praxis.
Was ich als Werkstudentin mitnehme
Nach drei Jahren voller Theorie und sechs Semestern reinem Vorlesungswissen sitze ich endlich dort, wo ich schon zu Beginn meines Studiums hin wollte. Ich darf meine Kreativität und Ideen endlich in reale Kund*innennprojekte einfließen lassen, anstatt sie nur meinem*meiner Prof in einem kleinen Seminarraum vorzustellen. Das fühlt sich endlich nach echtem Machen an, anstatt nur auf dem Papier zu planen.Trotzdem bleibt mein Alltag ausgewogen: Mit den 20 Stunden pro Woche habe ich genug Zeit für die Uni, meine Arbeit und mein Privatleben, ohne dass ich dauerhaft im Stressmodus bin.
Gleichzeitig denke ich natürlich an meine Zukunft. Wer schon während des Studiums echte Praxiserfahrung sammelt, hat es in der Arbeitswelt später deutlich leichter, gerade im hart umkämpften Design- und Kommunikationsbereich. Für mich ist die Stelle nicht nur ein Nebenjob zum Geldverdienen, sondern der perfekte Fuß in der Tür: Ich knüpfe wertvolle Kontakte, verstehe echte Agentur-Abläufe und baue mir Schritt für Schritt eine Karriere auf, die auf echter Praxis basiert.
Und trotzdem finden viele nicht zusammen: Wieso denn bloß?
Wenn die Vorteile so auf der Hand liegen, woran scheitert es dann in der Praxis? Der Knackpunkt liegt oft in gegensätzlichen Erwartungen. Viele Studierende suchen ein Werkstudium, um überhaupt erst erste Berufserfahrung zu sammeln. Auf der anderen Seite fordern Unternehmen in Stellenanzeigen oft genau das: am besten schon fundierte Praxiserfahrung und fertige Skills. Das ist ein ziemlich frustrierender Teufelskreis. Wie soll ich bitte Praxis vorweisen, wenn mir keiner die Chance gibt, sie zu sammeln? Kein Wunder, dass viele nach ein paar Absagen aufgeben und das Thema Werkstudent*innenjob komplett abhaken. Dazu kommt ein riesiges Sichtbarkeitsproblem. Es liegt nicht mal an den Job-Plattformen an sich, sondern daran, wo die Angebote landen. Wenn Agenturen ihre offenen Stellen nur irgendwo tief auf der eigenen Website verstecken oder auf ihren eigenen Kanälen posten, finden wir die schlichtweg nicht. Woher sollen wir auch wissen, wer gerade sucht?
Und auch auf Agenturseite gibt es Hemmungen. Einarbeiten kostet Zeit, Nerven und Kapazitäten. Viele HR-Leute haben einfach Schiss, dass man den ganzen Aufwand reinsteckt und die Studis nach ein paar Monaten wegen der Bachelorarbeit, Prüfungsstress oder einem Auslandssemester schon wieder weg sind. Das Ergebnis: Potenzial bleibt ungenutzt und passende Matches kommen nicht zustande.
Was sich jetzt ändern muss
Damit wir Studis und Agenturen in Zukunft viel öfter zueinanderfinden, müssen wir eigentlich nur an ein paar Stellschrauben drehen, und zwar auf beiden Seiten.
Für Unternehmen heißt das vor allem: Macht es uns doch einfach leicht. Schreibt in den Anzeigen ganz direkt und ohne Floskeln, worum es geht, was uns im Alltag erwartet und was wir bei euch lernen können. Wenn das Ganze dann noch auf den Kanälen landet, wo wir uns wirklich aufhalten, statt tief auf eurer Website zu verstauben – perfekt.
Gleichzeitig sind aber auch wir Studis gefragt: Nutzt die Kontakte, die ihr bereits habt und lasst den Kopf nicht hängen! Fragt eure Kommiliton*innen, Dozent*innen oder Profs, so bin ich zum Beispiel an beide Agentur-Jobs gekommen. Steckt Absagen nicht persönlich ein, bleibt aktiv und geht raus: Irgendwann findet auch ihr euer Match.
Einen mini persönlichen Einblick in den Arbeitsalltag gibt Ida, die aktuell auch als Werkstudentin bei uns tätig ist. Ida ist erst im zweiten Semester, hat aber vorher bereits eine Ausbildung als MTA gemacht. Ich habe sie gefragt, welchen einen Rat sie sowohl Agenturen als auch Studierenden für eine erfolgreiche Zusammenarbeit geben würde:
“Ich finde eine Kommunikation auf Augenhöhe am Wichtigsten. Ehrliches und konstruktives Feedback von beiden Seiten aber auch – nur so können „Probleme“ behoben werden und jede Seite kann das maximale Potential ausschöpfen. Klingt cheesy, ist aber so.”
Der Stein muss einfach von beiden Seiten ins Rollen gebracht werden. Traut euch gegenseitig mehr zu, denn der Aufwand lohnt sich für beide Seiten ab Tag eins.
Natalie Marcinski
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